Langzeitbelichtung
Langzeitbelichtung heißt, den Verschluss so lange offen zu lassen, dass Bewegung im Bild zu einer Spur wird: Wasser zu einer Fläche, Wolken zu Streifen, Passanten zu Schlieren. Bei Tageslicht geht das nur mit einem Graufilter – sonst ist das Bild weiß, bevor etwas fließt.
Stunden : Minuten : Sekunden : Millisekunden
Wo sie anfängt
Eine feste Grenze gibt es nicht. Praktisch beginnt Langzeitbelichtung dort, wo die Zeit länger ist, als man die Kamera halten kann – also etwa ab einer Dreißigstelsekunde bei Weitwinkel und ab einer Hundertfünfzigstel bei Tele. Ab da braucht es ein Stativ, und ab dem Stativ ändert sich die Arbeitsweise.
Bildwirkung entsteht meist erst ab einer halben Sekunde. Darunter wird Bewegung nur unscharf, darüber wird sie zur Form.
Was du brauchst
- Ein Stativ, das auch bei Wind steht: Die häufigste Ursache für unscharfe Langzeitbelichtungen ist kein Fokusfehler, sondern ein zu leichtes Stativ. Mittelsäule unten lassen, Haken belasten, wenn einer dran ist.
- Einen Graufilter in passender Stärke: Für Sekunden ein ND64, für Minuten ein ND1000. Welche Stärke zu welchem Motiv passt, steht weiter unten.
- Fernauslöser oder Selbstauslöser: Der Druck auf den Auslöser überträgt sich aufs Bild. Zwei Sekunden Vorlauf reichen meist; für den Bulb-Modus braucht es einen Auslöser mit Zeitnahme oder einen Timer.
- Ein Mikrofasertuch: Am Wasser setzt sich Gischt auf dem Filter ab, und ein Tropfen auf dem Glas steht in jeder Aufnahme der Serie. Vor jedem Auslösen kurz hinsehen.
Der Ablauf am Motiv
- Bildausschnitt und Fokus ohne Filter: Aufbauen, Ausschnitt festlegen, scharfstellen. Dann auf manuellen Fokus umschalten, damit nichts mehr wandert.
- Belichtung ohne Filter messen: Blende und ISO festlegen, die vorgeschlagene Zeit notieren. Diese Zeit ist die Ausgangszeit für den Rechner.
- Zeit ausrechnen: Ausgangszeit und Filter oben eingeben. Das Ergebnis ist die Zeit, die du an der Kamera einstellst.
- Filter aufsetzen, auslösen: Erst jetzt den Filter aufschrauben – vorher würde er Messung und Autofokus stören. Über 30 Sekunden in den Bulb-Modus wechseln.
- Erste Aufnahme prüfen: Histogramm ansehen, nicht das Vorschaubild. Auf dem Display sieht bei Sonne alles zu dunkel aus.
Welche Zeit zu welchem Motiv
- Bach, kleiner Wasserfall: 0,5 bis 2 Sekunden: Wasser wird seidig und behält Struktur. Länger belichtet wird daraus eine weiße Fläche ohne Fließrichtung.
- Meer, Küste: 10 bis 30 Sekunden: Wellen verschwinden, die Oberfläche wird glatt und nebelig. Unter fünf Sekunden bleiben einzelne Wellenkämme stehen, was meist unruhig wirkt.
- Ziehende Wolken: 1 bis 4 Minuten: Erst ab etwa einer Minute werden Wolken zu Strichen. Dafür braucht es zehn Stufen und mehr, und das heißt Bulb-Modus.
- Menschen verschwinden lassen: 10 bis 30 Sekunden: Wer durchgeht, wird unsichtbar; wer stehenbleibt, wird zum Schatten. Auf einem belebten Platz braucht es oft mehrere Versuche.
- Lichtspuren von Autos: 5 bis 20 Sekunden: Das geht in der Dämmerung meist ohne Filter. Tagsüber gibt es keine Lichtspuren, weil die Scheinwerfer nicht auffallen.
Ab 30 Sekunden: Bulb-Modus
Die längste eingebaute Verschlusszeit ist bei fast allen Kameras 30 Sekunden. Alles darüber läuft über den Bulb-Modus: Der Verschluss bleibt offen, solange der Auslöser gedrückt ist oder bis ein zweites Mal gedrückt wird. Die Zeit muss dabei jemand messen.
Ein Fernauslöser mit Zeitnahme übernimmt das, ein Timer im Telefon auch. Wichtig ist nur, dass die Messung nicht ausgeht, während der Verschluss offen steht – am anderen Ende hängt eine Aufnahme, die sich nicht wiederholen lässt, weil die Wolke weitergezogen ist.
Die häufigsten Fehler
- Filter vor dem Scharfstellen aufgesetzt: Ab sechs Stufen findet der Autofokus nichts mehr. Reihenfolge umdrehen, dann stimmt die Schärfe.
- Sucher offen gelassen: Bei Spiegelreflexkameras fällt Licht durch den Okularsucher auf den Sensor und hellt das Bild ungleichmäßig auf. Die mitgelieferte Abdeckung ist dafür da.
- Bildstabilisator angelassen: Auf dem Stativ sucht er eine Bewegung, die es nicht gibt, und erzeugt sie dabei. Ausschalten.
- Weißabgleich auf Automatik: Jede Aufnahme bekommt einen anderen Stich, und bei starken Filtern liegt die Automatik ohnehin daneben. Fester Wert hält die Serie einheitlich.
Langzeitbelichtung ist weniger eine Frage der Ausrüstung als der Reihenfolge: messen, rechnen, Filter aufsetzen, auslösen. Wer die einhält, braucht dafür einen Graufilter, ein Stativ und etwas Geduld – nicht mehr.
Alle Werte stehen in der ND-Filter-Tabelle, häufige Fragen beantwortet das FAQ, und Welcher ND-Filter? führt vom Motiv zur Blendenstufe.